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Velo KulTour 2003

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GM Kult-Tour 2003

Kurz vor den Sommerferien, während den mündlichen Maturprüfungen am GM, gehen interessierte Schülerinnen und Schüler aus den zweiten, dritten und vierten Klassen auf die traditionelle Velo Kult-Tour. So wurde auch dieses Jahr ein kulturelles Thema mit einer anspruchsvollen und wunderschönen Velotour verknüpft. Während wir im letzten Jahr den Gotthardpass überquerten und uns auf geschichtlichen Pfaden der Gründung der Eidgenossenschaft bewegten, stand die Tour in diesem Jahr unter dem Zeichen von Sagen- und Legendenliteratur aus dem Tessin und dem Graubünden. Von gewaltigen Berggeistern, Sträggelen, wütenden Himmelheeren, Waldfänggen, Pestleuchten, vom Toggeli und Totenvolk wurde gelesen.

Folgende Geschichte soll sich im Juni 2003 in den Bergen und Tälern rund um den San Bernardino zugetragen haben:

 In längst vergangenen Zeiten, als es im Lande noch wenige Gotteshäuser gab, da zog von Zeit zu Zeit eine Schar Schülerinnen und Schüler aus Basel ins Tessin und fuhr mit ihren Velos über einen Alpenpass zurück in die weiten Ebenen des Nordens. Diese wilden Leute der Alpenpässe waren seit einiger Zeit nicht mehr gesehen worden, doch ist die Erinnerung an sie nicht ganz ausgestorben. Und zu einer Zeit, da die Erinnerung an sie schon fast zur Legende wurde, tauchten sie plötzlich jenseits des Gotthards mit ihren Velos wieder auf. Im heissen Juni 2003 kamen die Basler nach Airolo um das Tessin hinunter zu fahren bis Bellinzona, das Mesocs hinauf, über den San Bernardino nach Chur und von dort nach Weesen am Walensee.

 Wo heute der Gotthardtunnel im Berg verschwindet und sich ein wunderschöner Ausblick auf die Tessiner Alpen und das Val Leventina erbietet, startete die Tour des GM. Lustig ging es in der Sennenhütte zu an jenem Sonntagabend und eine unruhige Nacht auf durchhängenden Betten folgte. Der Morgen war noch jung, da rollte die Schar voller Tatendrang die Leventina hinunter. Die Lehrer der Gruppe hatten sich sagen lassen, das Geschlecht der Fänggen sein in der Leventina noch nicht ausgestorben und sie warnten ihre Schüler vor den geheimnisvollen Männlein und Weiblein. Was Wunder, wenn das Tal von jeher verschrien war als Tummelplatz der Gespenster. Besonders drüben, um Ambri herum sprach man früher nur mit Schauder von den Strassenfänggen. Alle waren sie ungeheuer flink im laufen und Velofahren und übertrafen darin die kühnsten Rennfahrer. Sie liessen ihre kleinen Kinder an gezähmten Gemsen saugen, das nahm ihnen den Schwindel und die Furcht in den Abfahrten. Und damit sie bei den Anstrengenden Touren kein Seitenstechen bekamen, schnitten sie ihnen die Milz heraus, was sie mit grosser Fertigkeit bewerkstelligten. Einige von ihnen jedoch waren gemein und hinterhältig. Sie kannten allerlei Tricks und stellten anderem, unbescholtenen Velovolk hinterhältige Fallen. Und so stellte unterhalb Piotta einer der gefürchteten Strassenfänggen ein Schild derart auf die Strasse, dass ein Schüler mit dem Lenker daran hängen blieb und sich unschöne Schürfwunden zuzog. Damit war die Tour für ihn schon vorbei, die anderen liessen sich jedoch nicht entmutigen und fuhren weiter.

In der Gluthitze von San Vittore teilte sich die Schar in mehrere Gruppen. Die schnellste Gruppe stob davon und wenn die wilden Veloleute in höllischem Tempo durch ein Dorf stürzten, dann bekreuzigten sich die Alten in den kühlen Stuben vor der vorübertosenden Schar. Zuvorderst aber, in schärfster Gangart, über sein fahles Rennrad gebeugt fuhr der Alper. Der Alper selber führte sie an.

 Bei Soazza, in der Mitte des Val Mesolcina, fuhren drei tapfere Schüler der hintersten Gruppe in langsamem, aber steten Tempo das Tal hinauf. Alle drei hatten Mountain Bikes, was ihnen wie ein Fluch vorkam, wenn sie die anderen auf ihren geschwinden Rennrädern davonfliegen sahen. Da passierte es, dass einer von ihnen nicht mehr mithalten konnte und sich zurückfallen liess. Es war inzwischen drückend heisser Nachmittag geworden, und die Beine wollten und wollten nicht mehr. Todmüde und von der Sorge um die verlorenen Freunde niedergedrückt, sank er auf halben Wege am Fuss einer alten Fichte zusammen und schlief ein. Am Nachmittag wurde er plötzlich aufgeweckt. Rauschende Musik drang an sein Ohr, und wie er sich aufrichtete, gewahrte er, dass drüben auf der anderen Strassenseite eine Frau mit langen schwarzen Haaren, laute Musik hörend, mit dem Besenwagen anhielt. Wie in einem Traum erschien ihm das rote Auto und die junge Rudin. Als er aber sah, dass es wirklich war, lud er sein Velo in den Kofferraum und erreichte so das Dorf San Bernardino in Sicherheit. Die anderen beiden hielten jedoch durch und schafften als einzige ohne Rennvelos die 100 Kilometer Distanz und 1500 Höhenmeter bis San Bernardino aus eigener Kraft.

Zur Zeit, da die Sonne hinter den Bergen zu verschwinden begann, fuhren die letzten zwei alten, verhutzelten Wesen durch Pian San Giaccomo und dann den Berg hinauf. Mitunter will man gesehen haben, wie sie angeführt vom unermüdlichen Studer bald hintereinander, bald nebeneinander dahergebraust sind, die Pneus ihrer Räder hoch über dem Boden. Wurde man von ihnen überrascht, so durfte man nicht fliehen – das wollten sie nicht – sondern schweigend ausweichen. War dies nicht möglich, so tat man am besten, sich mit ausgebreiteten Armen flach auf die Erde zu werfen. Dann fuhren die beiden über die dahinliegenden hinweg. Doch man durfte sich nicht lange besinnen.

Zu San Bernardino kehrten die Basler ein, um dort zu übernachten und baten um Imbiss und bescheidenes Lager. Dies wurde ihnen gewährt, gleichzeitig wurden sie aber vor einem Toggeli, auch Schrätteli genannt, gewarnt: Fand es in einer Stube einen Schlafenden, dann sprang es ihm als scheusslich borstiger Igel zusammengeballt auf die Brust und beugte sich über sein Gesicht, dass ihm fast der Atem ausging, als liege ein Zentnergewicht auf der Decke. Dann zog es die Balkendiele auf den Schlummernden nieder, schnellte plötzlich wieder mit ihm empor bis zu den Sternen, riss ihn mit sich über Länder und grosse Wasser auf die Spitze hoher Türme und Berge, stürzte ihn hinab in schauerliche Abgründe und liess ihn tausend Gefahren erleiden. Manchmal, wenn das Toggeli besonders gemein war, setzte es sich auf die Nieren des Bedauernswerten und verspannte ihm grausam die ganze linke Seite bis zum Handgelenk. Und genau so geschah es einem Fahrer aus der Basler Schar. Da sprach er mit einer klugen Alten unter vier Augen von der Plage, die ihn heimsuchte. Die Alte zog die Augsbrauen bedenklich in die Höhe und meinte, da müsse bald für Abhilfe gesorgt werden, sonst könne es ihm noch schlimm ergehen. «In eurer Schlafkammer müsst ihr ganz sauber kehren, dürft nicht die geringste Wischete, kein Spähnchen und kein Hälmchen auf dem Boden liegen lassen. Gegen das Abscheuliche Schrättli schützt auch, die Schuhe vor dem Bett umzukehren, sodass die Absätze der Lade zunächst stehen. Noch besser ist es aber, sich massieren zu lassen und auf isotonische Getränke zu verzichten!» Der Mann tat, wie ihn seine kluge Beraterin unterwiesen. Und tatsächlich konnte er das Schrättli vertreiben und die Schmerzen in seinem Rücken waren verschwunden.

Seit den Zeiten, als die Strassenfänggen noch regelmässig über den San Bernardino fuhren, sind keine Wesen mehr so rasch die alte Passtrasse hinaufgefahren, wie die GM Schar am Morgen des 24.6.2003! Die 450 Höhenmeter wurden von den Schnellsten in nur 25 Minuten bewältigt, nach weniger als einer Stunde war die ganze Gruppe auf dem Pass und tauchte ihre Füsse in den kühlen See. Die Namen dieses wilden Radlervolkes seien hier genannt: Frau Rudin, Herr Studer, Herr Alper, Herr Moor. Alexander Kutz, Luca Nicola, Samuel Diethelm, Tobias Gelzer, Dominik Freivogel, Alain Eicher, Simone Wirth, Stefan Albrecht, Stefan Trüeb, Raphael Reift, Jan Wozniak, Niggi Leuenberger, Marc’Aurelio Natelli, Adrian Plachesi, Tobias Adler.

Wer nun vom San Bernardino her zu den sonnigen Weiden und Heubergen um Chur hinab wollte, musste sich erst einen halben Tag zwischen bewaldeten Felsen den Weg mit dem schäumenden Hinterrhein teilen. Auch hausten dort gar wunderliche Wesen in den Felsen und auf den hohen, dunklen Tannen. Und tatsächlich: auf der Abfahrt durch die Roflaschlucht, unterhalb Sufers, trat den Schülern des GM plötzlich ein Wilder Mann, der Geist des Berges, in den Weg. «Ich will nicht haben», herrschte er sie an, «dass ihr zu schnell meine Schlucht hinunterfährt! Ich weiss, dass ihr erschöpft seid und dass ihr einen weiten Weg vor euch habt. Deshalb will ich euch helfen und euch den Weg freihalten. Ihr jedoch sollt die Kurven nicht schneiden und immer auf eurer Strassenseite bleiben!» Dabei hob der Wilde Mann drohend einen entasteten Tannenstamm in seiner Rechten, und unter den buschigen Brauen, die fast bis auf den Bart hinunter hingen, blitzte der Zorn hervor. Die Schüler erschraken und versprachen ihm, sein Gebot zu halten.

Wirklich fuhr die Schar der Schüler gesittet die Strasse hinunter und blieb immer auf ihrer Strassenseite. Allein als sie das eine Weile so gewährt hatten, wollte ihnen das vorsichtige Fahren nicht mehr behagen. Sie mochten nicht brav hinunterfahren, sie sehnten sich nach Geschwindigkeit, Windschattenfahren und halsbrecherischen Überholmanövern. Aber sowie eine Schülerin mit ihrem Rad eine rasante Linkskurve schnitt, kam der Berggeist daher wie im Sturm, packte sie mit gewaltiger Faust am Lenker und warf sie, weil sie nicht Wort gehalten, in die Leitplanke. Dem Mädchen passierte fast nichts, jedoch zerschmetterte der Berggeist das Velo an einem Felsen, sodass sie nicht mehr weiterfahren konnte und von nun an für den Rest der Tour im Auto sitzen musste.

Nachmittags um die zweie, führte Herr Moor, der Velohirt von Basel, die Herde die Strasse der Via Mala Schlucht hinab, gewissenhaft und treu besorgt um seine Schutzbefohlenen. Weil die Schüler aber erst gerade für hundert Goldmünzen gespiesen hatten, hatten sie jetzt kein Geld mehr um die zwei Franken Eintritt in die Schlucht zu berappen... Aus Gründen der Bildung beschlossen die Lehrer aber, die armen Schüler an diesem Stück Schweizer Kultur teilhaben zu lassen und bezahlten für sie. So stieg die ganze Schar auf gewundenen Pfaden hinab in die Tiefen der dunklen Schlucht. Kaum waren sie in der Schlucht unten, sammelten sich am schmalen Himmelsstreifen zwischen den senkrecht aufsteigenden Felswänden über ihnen gewaltige schwarze Wolken und türmten sich auf. Sie schauten furchtsam empor. Da war ihnen, als jagte eine Schar wilder Radler und Radlerinnen droben durch die Tannenwipfel gerade über sie hinweg. Das war das wütende Velo-Heer, von dem die Knaben schon hatten erzählen hören. Gleich darauf folgte ein Gewittersturm, wie man ihn seit Menschengedenken nicht mehr in der Via Mala erlebt hat. Als das fliegende Velo-Heer jedoch erkannte, dass die GM Schüler brave Menschen waren, wurden sie milde gestimmt und das Wetter beruhigte sich wieder schnell, sodass die Schüler nach kurzer Zeit wieder bei Sonnenschein nach Chur weiterfahren konnten.

Am dritten und letzten Tag der Tour passierte nicht mehr so viel, die geheimnisvollen Berge und ihre Sagengestalten hatte die Gruppe hinter sich gelassen und sie fuhr zielstrebig und wiederum sehr rasch nach Sargans und dem Walensee entlang nach Weesen. Nach über 250 Kilometern, mehr als 2300 bewältigten Höhenmetern, einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 24 Km/h und einer Spitzengeschwindigkeit von 78 Km/h wurde im See ausgiebig gebadet und die müden Glieder entspannt.

Die San Bernardino Tour wird allen Teilnehmern für immer als unvergessliches Erlebnis aus ihrer Schulzeit am GM in Erinnerung bleiben. Und jedes Jahr soll die Tour von neuem stattfinden, immer an einem neuen Ort, Hunderte von Jahre lang. So will es der tief eingewurzelte Volksglaube.

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